Gesundheitskompetenz – KI als Gamechanger?!

Wir leben in einer Zeit, in der Künstliche Intelligenz (KI) unseren Alltag bereits spürbar verändert – und auch das Gesundheitswesen befindet sich im tiefgreifenden Wandel. Häufig wird dabei über KI in Diagnostik, Therapie oder Vewaltung gesprochen. Die Tagung „Gesundheitskompetenz — KI als Gamechanger?!“ öffnete bewusst den Blick auf einen Aspekt, der alle betrifft: die Gesundheitskompetenz.

Gesundheitskompetenz beschreibt die Fähigkeit, Gesundheitsinformationen zu finden, zu verstehen und anzuwenden. Aktuelle Studien zeigen, dass mehr als die Hälfte der Menschen in Deutschland – trotz leichter Verbesserungen – über eine eingeschränkte Gesundheitskompetenz verfügt. Besonders betroffen sind ältere Menschen, sozial benachteiligte Gruppen und Personen mit chronischen Erkrankungen. Bei der digitalen Gesundheitskompetenz treten soziale und altersbezogene Unterschiede noch deutlicher zutage – ein Befund, der in Zeiten digitaler Transformation besondere Aufmerksamkeit erfordert.

Vor diesem Hintergrund stellte die Tagung zentrale Fragen:

  • ob und wie KI die Gesundheitskompetenz in unserer Gesellschaft stärken kann,
  • welche Chancen neue Sprachmodelle für Gesundheitskommunikation und Aufklärung eröffnen,
  • welche technischen Entwicklungen uns in naher Zukunft erwarten,
  • und wie sichergestellt werden kann, dass KI-generierte Informationen qualitativ hochwertig und vertrauenswürdig bleiben.


Auftakt: Zwischen Versprechen und Verantwortung

In den Grußworten von Staatssekretär Christian Luft (BMG) und Dr. Johannes Nießen (komm. Leiter BIÖG) wurde deutlich: Der Staat trägt eine besondere Verantwortung, verlässliche, gut verständliche und evidenzbasierte Gesundheitsinformationen auch im digitalen Raum zur Verfügung zu stellen. KI könne hier unterstützen – aber nur, wenn Qualität, Transparenz und Gemeinwohlorientierung Leitprinzipien sind.

Die Keynote von Prof. Dr. Monika Taddicken (TU Braunschweig) stellte den Umgang der Bevölkerung mit KI-gestützten Informationssystemen ins Zentrum. Sie zeigte, dass KI zunehmend als epistemische Autorität wahrgenommen wird – also als Quelle von Wissen, der viele Menschen Glauben schenken. Zugleich hängt der Nutzen stark davon ab, wie gut Menschen ihre eigene Informationskompetenz einschätzen, wie sie Quellen bewerten und welche Erwartungen sie an KI haben. Die Keynote machte deutlich: Zwischen den Versprechen effizienter Technik und der Verantwortung für informierte Gesundheitsentscheidungen braucht es klare Qualitätsmaßstäbe und reflektierte Nutzungspraktiken.


Vormittag: Technik, Qualität und Gerechtigkeit

Im ersten Vortragsblock ging es um die Frage, was KI heute technisch leisten kann – und welche Risiken damit einhergehen.

Dr. Sebastian Lobentanzer (Helmholtz Zentrum München) zeigte, wie KI-gestützte Systeme die öffentliche Gesundheitskommunikation verändern. Sie können komplexe Inhalte verständlicher machen, personalisierte Unterstützung bieten und redaktionelle Prozesse effizienter gestalten. Gleichzeitig warnte er vor neuen Risiken: Intransparente Modelle, Qualitätsverluste und ein möglicher Kontrollverlust über die Darstellung von Inhalten. Anhand aktueller Entwicklungen erläuterte er, wie probabilistische Sprachmodelle, Wissensrepräsentation und Ansätze zur Interpretierbarkeit zusammenspielen – und wie durch transparente, messbare und überprüfbare Systeme Vertrauen in digitale Gesundheitsinformationen erhalten werden kann.

Prof. Dr. Viviane Scherenberg (APOLLON Hochschule der Gesundheitswirtschaft) nahm insbesondere öffentlich zugängliche KI-Sprachmodelle wie ChatGPT in den Blick. Sie analysierte, welche Potenziale diese Modelle für unterschiedliche – insbesondere vulnerable – Zielgruppen bieten: niedrigschwelligen Zugang, schnelle Antworten, individuelle Erklärungen. Zugleich machte sie deutlich, welche Risiken durch Fehlinformationen, Missverständnisse, falsche Nutzung oder Überschätzung der KI-Kompetenz entstehen können. Auf dieser Grundlage diskutierte sie, wie Maßnahmen zur Förderung digitaler Gesundheitskompetenz aussehen können und welche ethischen Public-Health-Kriterien künftig stärker berücksichtigt werden müssen.

Prof. Dr. Rainer Mühlhoff (Universität Osnabrück) lenkte den Blick auf digitale Ungleichheit und gesundheitliche Chancengleichheit im Zeitalter der KI. Er zeigte, dass KI-Modelle, die auf sensiblen Gesundheitsdaten trainiert sind, über den medizinischen Kontext hinauswirken können – etwa, wenn sie in Versicherungen, Personalentscheidungen oder Bildung einfließen. Werden diskriminierende Muster aus Trainingsdaten unreflektiert übernommen, droht eine neue Form digitaler Ungleichheit. Sein Beitrag unterstrich, dass es nicht ausreicht, lediglich technischen Zugang und digitale Kompetenzen zu verbessern; vielmehr braucht es neue Formen von Governance, klare Zweckbindungen und kollektive Verantwortung, um Gesundheitsgerechtigkeit auch im digitalen Raum zu sichern.


Nachmittag: Von Daten zu Vertrauen – KI in Praxis und Alltag

Der zweite Vortragsblock widmete sich konkreten Anwendungsbeispielen von KI im öffentlichen Gesundheitswesen und im Alltag der Menschen.

Prof. Dr. Sylvia Thun (Berlin Institute of Health an der Charité) machte deutlich: Damit KI im Öffentlichen Gesundheitsdienst (ÖGD) sinnvoll eingesetzt werden kann, braucht es eine gemeinsame „Sprache der Daten“. Sie zeigte, wie standardisierte Gesundheitsdaten – etwa auf Basis von HL7 FHIR, SNOMED CT und LOINC – die Grundlage dafür schaffen, datenbasierte Entscheidungen schneller, präziser und gerechter zu treffen. Erst wenn Daten strukturiert, semantisch eindeutig und qualitätsgesichert vorliegen, können KI-Modelle valide Ergebnisse liefern und Public-Health-Maßnahmen von Surveillance über Prävention bis hin zur Krisenreaktion wirksam unterstützen. Ziel ist ein lernendes, digitales Gesundheitssystem, in dem der ÖGD nicht nur Daten sammelt, sondern Wissen generiert.

Jun.-Prof. Dr. Elena Link (Johannes Gutenberg-Universität Mainz) berichtete von einer experimentellen Studie zu Vertrauen in KI-Chatbots im Kontext der Grippeschutzimpfung. Die Teilnehmenden bewerteten identische Argumente je nachdem, ob diese als „von Expert:innen“, „von einer KI“ oder als „Expert:innen-KI-Kooperation“ gekennzeichnet waren. Das Ergebnis: Als Experteninhalt gekennzeichnete Argumente wurden deutlich besser bewertet als solche, die als KI-generiert ausgewiesen waren. Dies gilt insbesondere bei hohem Vertrauen in klassische Institutionen wie die STIKO. Die Studie zeigt, dass viele Menschen KI-Quellen weiterhin skeptisch sehen und dass die Kennzeichnung der Herkunft von Argumenten erheblichen Einfluss auf die Bewertung und das Vertrauen hat.

Prof. Dr. Oliver Amft (Hahn-Schickard-Gesellschaft für angewandte Forschung e. V.) fokussierte auf intelligente Assistenzsysteme für den Alltag. Er zeigte, wie aus vielfältigen Sensordaten – etwa zu Bewegung, Verhalten oder Umwelt – alltagstaugliche, kontextbezogene Empfehlungen zur Gesundheitsförderung abgeleitet werden können. Im Projekt Eghi („Erweiterte Gesundheitsintelligenz für persönliche Verhaltensstrategien im Alltag“)
wurden sämtliche Komponenten – von der Datenerfassung bis zur Handlungsempfehlung – prototypisch umgesetzt, u. a. für Menschen mit Interesse an gesunder Ernährung. Erste Studien zeigen, dass situativ passende, verständliche Empfehlungen die Adhärenz, also das Einhalten von Therapie- und Verhaltensempfehlungen, verbessern können. Amft machte zugleich deutlich, wie anspruchsvoll es ist, interaktive, kontextbewusste Empfehlungssysteme so zu gestalten, dass sie breit akzeptiert und genutzt werden.

Dipl.-Psych. Fabian Leuschner (delphi GmbH) stellte das Projekt SuchtGPT vor – einen Chatbot, der auf großen Sprachmodellen (LLMs) basiert und speziell für Fragen rund um Sucht entwickelt wurde. Ziel ist ein niedrigschwelliges, jederzeit verfügbares und zugleich fachlich validiertes Informations- und Unterstützungsangebot. Leuschner schilderte, wie Anforderungen gemeinsam mit Stakeholdern erarbeitet, ein Prototyp entwickelt und zunächst mit Fachpersonen getestet wurde. In einer öffentlich zugänglichen, fachlich supervidierten Modellphase wird nun evaluiert, wie das Angebot genutzt wird, welche Chancen sich ergeben – und wo Grenzen, Herausforderungen und Entwicklungsbedarfe liegen. Das Projekt verdeutlicht, wie KI in sensiblen Bereichen eingesetzt werden kann, wenn Qualitäts- und Schutzmechanismen von Beginn an mitgedacht werden.


Podium: Was heißt das für Praxis, Forschung und Versorgung?

In der abschließenden Podiumsdiskussion „Gesundheitskompetenz — KI als Gamechanger: Was bringt die Zukunft?“ diskutierten Vertreterinnen und Vertreter aus Forschung, Gesundheitskompetenz-Netzwerken, öffentlicher Gesundheit, Berufsvertretungen, Apothekenwesen und Verbraucherschutz die nächsten Schritte.

Die Diskussion gliederte sich entlang zweier Leitfragen:

  • Was heißt das für Praxis und Forschung?

  • Was heißt das für die gesundheitliche Versorgung?

Ein Grundtenor des Podiums:
KI kann ein wichtiger Baustein zur Stärkung der Gesundheitskompetenz sein – wenn sie in transparente, evidenzbasierte und menschenzentrierte Strukturen eingebettet ist.


Fazit

Die Tagung „Gesundheitskompetenz — KI als Gamechanger?!“ hat gezeigt, dass KI weder Allheilmittel noch reine Gefahr ist. Sie ist ein machtvolles Werkzeug, das:

    Informationszugänge erleichtern, Gesundheitskompetenz unterstützen, aber auch Ungleichheiten verstärken und Vertrauen untergraben kann.

    Entscheidend ist, wie KI entwickelt, reguliert und in bestehende Strukturen integriert wird.
    Dafür braucht es:

    • Standardisierte, interoperable Daten,
    • klare Qualitäts- und Transparenzstandards,
    • gemeinwohlorientierte Governance,
    • Stärkung der (digitalen) Gesundheitskompetenz in allen Bevölkerungsgruppen.

    Nur unter diesen Bedingungen kann KI tatsächlich zum Gamechanger für Gesundheitskompetenz werden – im Sinne der öffentlichen Gesundheit und der Menschen, die auf verlässliche Informationen angewiesen sind.